| Märkische Allgemeine Zeitung
vom 17. Februar 2005
Leserbriefe
ZU „VON HITLER MISSBRAUCHT“,
MAZ VOM 11.FEBRUAR ANTIFASCHISTEN HAT ES TIEF INS HERZ GETROFFEN
Die MAZ brachte die Diskussion in Rangsdorf um Bücker auf einen
Punkt, der nicht unwidersprochen bleiben darf. Der Bericht zur Sonderausstellung
zum 110. Geburtstag des Flugzeugkonstrukteurs überschrieben
„Von Hitler missbraucht“ trifft wohl jeden tief ins
Herz, der seine antifaschistische Haltung, ob „verordnet“
oder nicht, bewahrt und sich gegen den aufkeimenden, täglich
zu erlebenden Neofaschismus wendet.
Von Hitler missbraucht waren wir, die wohl 1944/45
gerade mal 15-Jährigen, als sie trotz der nahen Niederlage
noch an die Front geschickt wurden. Viele glaubten damals noch an
den Endsieg und bezahlten das mit ihrem Leben. Unabhängig davon,
wer den Artikel geschrieben hat, ist es doch beschämend, dass
in unseren Medien nicht die richtigen Worte gefunden werden, ein
in der Nazizeit florierendes Rüstungsunternehmen als von Hitler
missbraucht hinzustellen. Wenn wir heute, 60 Jahre nach dem Kriegsende,
Herrn Bücker zugestehen, unter Zwang gehandelt und missbraucht
worden zu sein, dann ist der Schritt zu den von den Alliierten 1945
bis 1948 verurteilten Albert Speer, Flick, Krupp, den IG-Farben
unter anderem nicht mehr weit, sie von aller Schuld freizusprechen
und als eine Art Opfer anzusehen. Ich erinnere daran: Im Flick-Prozess
war Punkt eins der amerikanischen Anklagebehörde „Sklavenarbeit“.
Wenn wir heute das alles nicht mehr in unser Denken und Handeln
einbeziehen, dann ist der Weg bis zur Leugnung des Holocaust und
das Hitler-Deutschland am Ende nicht den Krieg begonnen hat, sondern
die überfallenen Staaten, nicht mehr weit.
In Rangsdorf gibt es wohl keine Einwände,
den Spuren von Bücker nachzugehen. Mit der Einrichtung eines
Bücker-Museums wurde das Anliegen durch die Gemeinde unterstützt
und es wurde davon ausgegangen, das Wirken Bückers in die Zeit
von 1933 bis 1945 richtig einzuordnen. Der Förderverein arbeitet
daran, das technisch zu Bewahrende der Öffentlichkeit zugänglich
zu machen. Keinesfalls sollten eingedenk der jetzigen Situation
in Deutschland, siehe Sachsen und Dresden, die Lehren der Geschichte
und das Erlebte vergessen werden. Nun ist es doch gerade in unserer
Zeit nicht abwegig darauf einzuwirken, das Umfeld der in Rangsdorf
Mitte der 30er Jahre entstandenen Bückerwerke stärker
als bisher in die Forschung einzubeziehen. Es wird gesagt, Bücker
war der größte Arbeitgeber.
Mich hätte zum Beispiel interessiert, ob es
auch in Rangsdorf Menschen gegeben hat, die sich mit der Kriegspolitik
Hitlers nicht abgefunden hatten. Über sehr wenige Rangsdorfer
gibt es Informationen. Mehr jedoch über die Militärs auf
dem Flugplatz. Über Oberst Hansen und Oberst Graf von Stauffenberg
gibt es zahlreiche Veröffentlichungen. Das Museum weist aus,
dass hunderte von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangene aus Polen
und der Sowjetunion hier arbeiteten und unter schweren Bedingungen
leben mussten. Gab es nicht auch Rangsdorfer, die versuchten, ihnen
zu helfen oder konspirativ gegen Hitler zu wirken?
Als ich Mitte der 90er Jahre nach Rangsdorf kam
glaubte ich nunmehr noch mehr über das politische Leben in
Rangsdorf in der Zeit des Faschismus und danach zu erfahren, nachdem
ich bereits einige historische Arbeiten von Rangsdorfern Historikern
gelesen hatte, zum Beispiel wie mit den Rüstungswerken in Ludwigsfelde,
Teltow unter anderem und ihren Führungskräften umgegangen
wurde. Bisher konnte ich leider nur Bruchstücke zur Kenntnis
nehmen und ich würde mir wünschen, noch mehr darüber
zu erfahren.
Achim Reichardt, Rangsdorf
Einen bisher unveröffentlichten Brief
unseres Fördervereins an die Märkische Allgemeine Zeitung
zu dieser Problematik können Sie hier lesen. mehr...
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